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Man kann es sich in führender Position nicht leisten, keine Ahnung von der Boehm-Klarinette zu haben

von | Mrz 2, 1999 | Texte

Anbei ein früherer Artikel aus dem Magazin rohrblatt, Schondorf, 13 (von 1998), Heft 3 , S.125-126

Man kann es sich in führender Position nicht leisten, keine Ahnung von der Boehm-Klarinette zu haben.“

Ein Gespräch mit Dirk Altmann, Soloklarinettist des RSOrchesters Stuttgartvon Wilfried Berk

Das Interview entstand anlässlich eines Konzertes am 20.06.1998 in der St. Martin-Kirche in Seelze b.Hannover, in dem Dirk Altmann gleich mit mehreren Soli- auf der C-Klarinette bei Franz Schuberts Offertorium Totus in corde langueo“, auf der B-Klarinette bei Olivier Messiaens “Abgrund der Vögel“ aus dem „Quartet zum Ende der Zeit“ und bei Giacinto Scelsis „Ixor“, dann auf dem Bassetthorn bei Karl Stamitz‘ Konzert mit Orchester- dazu noch als Dirigent – brillierte.

Berk: Wie kamen Sie eigentlich dazu, als etablierter deutscher Solobläser in einem der führenden Rundfunkorchestern den Wechsel zur Boehm-Klarinette zu vollziehen?

Altmann: Nach meinen ersten fünf Jahren im Orchester spürte ich Stagnation in meinem Musikerdasein. Die Aussicht auf weitere vierzig Jahre Orchesterdienst erschreckte mich. Ich habe mich dann zunehmend für andere Bereiche des Klarinettenspiels interessiert. So auch für Neue Musik, und dabei stellte ich fest, dass viele Spielanweisungen und Spieltechniken, z. B. Mehrklänge, Vierteltöne, Slaps, etc., sich auf die Boehm-Klarinette bezogen. Ich bemerkte auch Verständnislosigkeit bei Komponisten, wenn ich ihnen meinen gelernten Standardsatz, das geht auf einer deutschen Klarinette nicht“, entgegen schleuderte. Ich lernte dann auch Klarinettisten aus der Schweiz und Frankreich kennen, für die war das alles kein Thema. Dieses stand am Beginn meiner Überlegung, mir diese Boehm-Klarinette, die ja übrigens von 90% aller Klarinettisten auf dieser Welt gespielt wird, einmal genauer anzuschauen. Heute bin ich noch dazu der Meinung, dass man es sich als junger Europäer, noch dazu in führender Position, nicht leisten kann, überhaupt keine Ahnung von der Boehm-Klarinete zu haben.

Berk: Wie sind Sie dann vorgegangen. Haben Sie sich auf eine einsame Insel zurückgezogen, mit einer Boehm-Klarinette, einer Grifftabelle und ein paar Schachteln Vandoren -Blättern?

Altmann: Ich habe mir dann meine erste Boehm-Klarinette gekauft. Das erste, was ich feststellte war, dass ich für den Preis eines deutschen Klarinettensatzes ein komplettes Equipment nebst Es- und Bass-Klarinette bekommen konnte. Die Klarinette wurde natürlich mit einer Grifftabelle geliefert, und so habe ich die Sommerpause dazu genutzt, in täglichen sechs Stunden Exerzitien umzusatteln.

Berk: Welche Art der Etüden haben Sie denn verwendet, um den Wechsel zu optimieren? Altmann: Erstaunlicherweise fielen mir neue Stücke, auch technisch sehr schwierige wie Donatonis „Clair“, leichter als meine Repertoirestücke. Ansonsten benutzte ich das Übliche, die Etüden von Baermann und Jettel.

Berk: Sie klingen auf Ihrer Buffet-Klarinette so satt und kernig, da staunen manche Kollegen, wenn sie erfahren, dass Sie Boehm-System spielen. Dennoch wird hierzulande behauptet, die Boehm-Klarinette verfüge lange nicht über das Klangpotential einer Oehler-Klarinette, wir stehen sie dazu?

Altmann: Ganz im Gegenteil: ich glaube, es kommt immer auf die Klangvorstellung des Bläsers an. Nehmen wir z. B. einen tschechischen oder einen amerikanischen Klarinettisten, beide spielen auf einem Instrument von Buffet Crampon, das Resultat sind zwei komplett unterschiedliche Klangwelten. Meiner Erfahrung nach lässt sich eine persönliche Klangphilosophie auf einer Boehm-Klarinette besser verwirklichen als auf dem Oehler-System; ein französisches Instrument ist einfach neutraler und dadurch wesentlich dienlicher. Als Student habe ich z..B. nie gern die Debussy-Rhapsodie gespielt. Die Leichtigkeit und Poesie, die mir vorschwebte, konnte ich einfach nicht realisieren. Mit der Boehm-Klarinette war es eine Freude, dieses Werk zu spielen! Gleiche Erfahrung machte ich beim Françaix-Concerto, es lohnt nicht, dieses Werk auf einer deutschen Klarinette zu spielen, es ist eine Hackerei sondergleichen und es kommt nichts dabei raus. Auch die schizophrenen Welten eines Nielsen-Konzerts oder der besondere Klang eines Finzi-Concertos sind mit der Boehm-Klarinette besser zu erreichen -da macht es auch erst richtig Spaß!

Berk: Sie haben in Hannover bei Prof. Pallushek studiert. Würden Sie sagen, dass die Nähe zur Solistenklasse von Prof. Hans Deinzer Sie beeinflusst hat, was Ihre spätere Vorliebe für die neuere Klarinetten-Literatur betrifft?

Altmann: Zu meiner Zeit war die Hochschule in Hannover, zumindest in Deutschland, eine Holzbläser-Hochburg“. Was mich an Hans Deinzer faszinierte, war das Umfassende an seinem Unterricht, das weit über das normale Klarinettenspiel hinausging. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich damals noch nicht so sonderlich an moderner Musik interessiert war. Mein Hauptinteresse galt dem Orchester, darauf habe ich mich konzentriert. Hellmut Pallushek war mein Mentor, ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mit Zwanzig die Solostelle im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart bekam. Ich wünschte mir für alle jungen Instrumentalisten ein solches Schüler-Lehrer-Verhältnis auf dem Weg ins Berufsleben, wie ich es von ihm erlebt habe.

Berk: Reden wir nun von Vorbildern. Gibt es welche? Altmann: Sicherlich! Wenn man als junger Musiker schlau ist, versucht man erst einmal, von so vielen Musikern wir nur möglich zu lernen. Neben meinem Lehrer haben mich natürlich die Jahre an der Herbert-von Karajan-Stiftung sehr geprägt. Die Möglichkeit, mit 18 Jahren am Solopult der Berliner Philharmoniker zu sitzen, war eine tolle Sache für mich, da habe ich natürlich viel von Karl Leister abgeschaut. Später, als ich schon fünf Jahre beim RSO Stuttgart war, hat mich die erste Zusammenarbeit mit Heinz Holliger sehr fasziniert und bewirkte bei mir eine „Öffnung“ für neueres, Innovatives. Die Auseinandersetzung mit ihm und seinen Werken trieb mich im Endeffekt auch in die Arme der Boehm-Klarinette. Während dieser Zeit habe ich auch Alain Damiens, den ersten Klarinettisten im Ensemble Intercontemporain in Paris, kennen gelernt. Die Art und Weise, wie er in kürzester Zeit komplizierte neue Stücke lernt, kann einem nur als Vorbild dienen.

Berk: Warum werden – Ihrer Meinung nach – die Klarinetten-Stellen in deutschen Kulturorchestern mit der Einschränkung > deutsches System < ausgeschrieben?

Altmann: Ich kann darüber natürlich nur spekulieren. Für mich ist es schon eine Art Protektionismus, weil man vielleicht Angst hat, dass zu viele ausländische Kollegen in die Orchester drängen. Ich kann davor nur warnen, schon jetzt gibt es sehr wenig deutsche Klarinettisten, die in der Lage sind, das gesamte Repertoire unseres Jahrhunderts aufzuführen. Das bisschen Berg und Strawinsky oder wenn’s ganz modern sein soll noch etwas Boulez  ( Domaines“ von 1968 ), reicht nicht aus, um im europäischen Vergleich konkurrenzfähig zu sein – Tradition hin oder her.

Berk: Gibt es Interpreten auf der Klarinette, die Ihnen etwas geben? Nennen Sie doch mal Ihre Präferenzen.

Altmann: Hier ist es wie mit den Vorbildern. Ich kann nur allen jungen Klarinettisten raten, nicht nur auf den Klang oder die Technik zu hören, sondern Aufnahmen immer im Kontext von Aufführungspraxis, Inhalt des Werkes und Geschichte der Klarinette zu sehen. Mal abgesehen davon, dass ich durch meine Orchester- und Kammermusiktätigkeit, die auch den Job des Orchestervorstands beinhaltet und die Familie (drei Töchter, Anmerk. d. Red.), die ja auch nicht zu kurz kommen möchte, nicht mehr soviel Zeit zum Musikhören habe, gibt es aber immer Einspielungen, die mich einige Zeit begleiten, z. B. So unterschiedliche Interpretationen des Brahms-Quintetts, wie die von Karl Leister mit dem Amadeus-Quartett, oder Reginald Kell mit dem Busch-Quartett, die Aufnahme des Corigliano-Concertos mit Stanley Drucker und den New Yorker Philharmonikern oder die kongeniale Interpretation der Isang Yun-Werke durch Eduard Brunner. Um sich einmal einen Eindruck zu verschaffen, wo technisch gerade die Meßlatte hängt, empfehle ich die Einspielung von Boulez‘ „L’ombre double“ durch Alain Damiens.

Berk: Vielen Dank für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Buon divertimento!